Die Künstlerin und ihre malerische Sprache
Die deutsche Künstlerin Yaya Bela Roth hat eine unverwechselbare Bildsprache entwickelt, die expressive Abstraktion mit einer tiefen Sensibilität für Wahrnehmung, Emotion und inneres Erleben verbindet. In ihrem Atelier im bayerischen Dietramszell versteht sie Malerei als einen intuitiven Prozess. Anstatt von einem festgelegten Bild oder einem vorab bestimmten Konzept auszugehen, lässt Roth jedes Werk in einem fortwährenden Dialog zwischen Farbe, Geste, Material und Oberfläche entstehen. Jede Setzung reagiert auf das, was sich bereits auf der Leinwand ereignet hat. Auf diese Weise kann sich die Komposition durch Hinzufügen, Überarbeiten, Verbergen und Entdecken organisch entwickeln.
In ihrem Werk spiegeln sich Einflüsse von Künstlerinnen und Künstlern wie Willem de Kooning, Mark Rothko, Helen Frankenthaler, Joan Mitchell, Hermann Nitsch und Georg Baselitz wider. Roth überführt die Ausdrucksmöglichkeiten der Abstraktion jedoch in ein persönliches Vokabular, das von Atmosphäre, Rhythmus, räumlicher Spannung und emotionaler Intensität geprägt ist. Schichten von Ölfarbe, Nass-in-Nass-Übergänge, energische Pinselführungen und sichtbar gebliebene Überarbeitungen sind wesentliche Bestandteile ihrer vollendeten Kompositionen. Statt die Spuren des Entstehungsprozesses zu beseitigen, bewahrt sie diese und ermöglicht es den Betrachtenden, das Gemälde als ein sich entwickelndes Ereignis zu erleben.
Dieses Verständnis von Malerei als etwas Lebendigem bildet das Zentrum von Roths künstlerischer Praxis. Ihre Werke illustrieren weder Geschichten noch bilden sie eine eindeutig erkennbare Wirklichkeit ab. Vielmehr eröffnen sie Wahrnehmungsräume, in denen Farbe zu einer Sprache der Bewegung, des Gefühls und der Präsenz wird. Durch chromatische Kontraste, gestische Kraft und offene Kompositionen regt Roth zu einer intensiven Betrachtung und zu individuellen Deutungen an.
Das Jahr 2026 markierte eine bedeutende Etappe in ihrer internationalen Laufbahn. Drei große Ausstellungen in China, Österreich und Deutschland präsentierten unterschiedliche Aspekte ihrer künstlerischen Vision. Die von Pashmin Art Consortia in Zusammenarbeit mit Kultur- und Museumsinstitutionen organisierten Ausstellungen verdeutlichten sowohl die Vielseitigkeit von Roths Schaffen als auch dessen zunehmende internationale Resonanz.
China-Debüt: „New Visions for a New Audience“
Roths China-Debüt, die Ausstellung „New Visions for a New Audience“ – „Neue Visionen für ein neues Publikum“ –, wurde vom 11. März bis zum 14. April 2026 im Hongyi Jiuzhou International Culture and Art Centre in Chongqing präsentiert. Die Ausstellung machte das chinesische Publikum anhand ausgewählter Werke aus der renommierten Serie „Farbfelder“ mit ihrer expressiven malerischen Sprache vertraut. Zu den gezeigten Arbeiten gehörten „Farbfelder 214“, „Farbfelder 221“ und „Farbfelder 222“.
Diese Gemälde verdeutlichen Roths Fähigkeit, Farbe in eine emotionale und räumliche Kraft zu verwandeln. Leuchtende Blautöne, strahlendes Orange, intensives Gelb, säurehaltig wirkendes Grün und energiegeladenes Magenta überlagern sich, prallen aufeinander und treten über die gesamte Leinwand hinweg in Beziehung. Aus diesen dynamischen Wechselwirkungen entstehen Tiefe, Rhythmus, Bewegung und Atmosphäre, ohne dass die Künstlerin auf eine konventionelle Perspektive oder gegenständlich erkennbare Motive zurückgreift.
Die besondere Bedeutung der Ausstellung in Chongqing lag darin, dass sie die Fähigkeit abstrakter Kunst sichtbar machte, sprachliche und kulturelle Grenzen zu überwinden. Roths Gemälde bedurften keiner Übersetzung. Ihre Sprache bestand aus Empfindung, Rhythmus und chromatischer Intensität. Die Betrachtenden konnten den Werken über ihre eigenen emotionalen und wahrnehmungsbezogenen Reaktionen begegnen – unabhängig von ihrer kulturellen Herkunft.
Die Ausstellung stellte daher weit mehr als ein internationales Debüt dar. Sie bestätigte die Abstraktion als eine universelle Bildsprache, die einen Dialog zwischen unterschiedlichen künstlerischen Traditionen und ihrem jeweiligen Publikum ermöglichen kann. Roths Werke wurden zu einer Brücke zwischen europäischen Malereitraditionen und einem zeitgenössischen chinesischen Publikum. Sie zeigten, wie Malerei nicht allein durch Erzählung, sondern vor allem durch Empfindung kommunizieren kann.
Österreich: „Cogitatio Artium – Wo der Gedanke zur Kunst wird“
Eine andere Dimension von Roths Werk trat in der Ausstellung „Cogitatio Artium – Wo der Gedanke zur Kunst wird“ hervor, die vom 24. September bis zum 7. November 2026 im Kunsthaus Weiz gezeigt wurde. Während die Ausstellung in Chongqing die kommunikative Kraft der Abstraktion in den Mittelpunkt stellte, untersuchte die Präsentation in Weiz die Beziehungen zwischen Denken, Wahrnehmung und künstlerischem Schaffen.
Im Zentrum stand das monumentale Werk „Triptych“, das als eine der umfassendsten Manifestationen von Roths künstlerischer Vision gelten kann. Das Triptychon eröffnet einen eindringlichen Dialog zwischen Vielheit und Einheit. Seine äußeren Bildtafeln sind von dichten Ansammlungen kreisförmiger Formen geprägt. Deren lebendige chromatische Wechselwirkungen erinnern an Zellstrukturen, kosmische Konstellationen und Netzwerke menschlicher Verbindungen. Die Formen scheinen über die Begrenzungen der Leinwand hinauszureichen und lassen eine Welt erahnen, die sich in einem Zustand fortwährender Veränderung befindet.
Die mittlere Bildtafel erzeugt dagegen eine Atmosphäre der Konzentration und Stille. Monumentale Formen in tiefem Blau, leuchtendem Rot, Weiß und Grün nehmen den Bildraum mit ruhiger Autorität ein. Innerhalb der visuellen Fülle der äußeren Tafeln schaffen sie einen Moment der Sammlung und Kontemplation. Gemeinsam werden die drei Teile zu einer Meditation über Individualität und Verbundenheit, Bewegung und Ruhe sowie Wahrnehmung und Denken.
Diese Themen setzen sich in der gesamten Ausstellung fort. In der Serie „Bubbles“ wird die Wiederholung zu einem Mittel, um Rhythmus, Wachstum und kollektive Erfahrung zu untersuchen. „Farbfelder 225“ und „Farbfelder 249“ veranschaulichen Roths Hingabe an Spontaneität und malerische Energie. „Bliss – it’s me“ zeigt hingegen eine einzelne Figur, deren nach oben gerichteter Blick Selbstreflexion und ein vertieftes Bewusstsein für die eigene Existenz andeutet.
Die Ausstellung vertrat damit die Vorstellung, dass sich künstlerisches Denken nicht allein aus intellektuellen Systemen entwickelt. Es entsteht ebenso aus körperlich verankerter Wahrnehmung, Intuition, Emotion und schöpferischem Handeln.
Deutschland: „Landscapes of the Soul (Seelenlandschaften)“
Die dritte große Ausstellung, „Landscapes of the Soul (Seelenlandschaften)“, wurde vom 3. Oktober bis zum 22. November 2026 in den Museen der Schloss- und Residenzstadt Greiz präsentiert. In diesem historischen Umfeld erhielten Roths Gemälde einen besonders introspektiven Charakter. Der Ausstellungstitel bot zugleich einen Schlüssel zum Verständnis der gezeigten Werke: Bei diesen Landschaften handelte es sich nicht um Darstellungen realer Orte, sondern um Erkundungen innerer Territorien, die von Erinnerung, Vorstellungskraft, Emotion und Wahrnehmung geprägt sind.
Werke wie „Blossom Love III“ und „Farbflächen 5–9“ verwandeln florale und organische Motive in Metaphern für Wachstum, Erneuerung, Verletzlichkeit und Veränderung. Anstatt die Natur auf buchstäbliche Weise zu beschreiben, ruft Roth deren emotionale Präsenz im Gedächtnis und im Bewusstsein hervor.
Die Ausstellung umfasste außerdem eine bedeutende Auswahl aus der Serie „Farbfelder“. In „Farbfelder 219“, „Farbfelder 223“, „Farbfelder 224“ und „Farbfelder 250“ schaffen eine kraftvolle Pinselführung und komplexe chromatische Beziehungen visuelle Räume, die von Instabilität, Bewegung und Transformation bestimmt sind. Farbschichten überlagern sich, Formen treten hervor und verschwinden wieder, während die Farben mit einer Intensität aufeinander reagieren, die der Vielschichtigkeit des emotionalen Lebens entspricht.
Besonders eindrucksvoll ist „Farbfelder 216“. Innerhalb eines abstrakten Feldes aus Farbe und Geste treten Spuren eines menschlichen Gesichts hervor, das zwischen Porträt und Auflösung zu schweben scheint. Das Bild verweist auf die Zerbrechlichkeit von Identität: Das Gesicht scheint aus der Erinnerung aufzutauchen, nur um sich erneut im malerischen Raum zu verlieren. Das Selbst erscheint dabei nicht als festgefügt oder unveränderlich, sondern als fließend, verletzlich und einem fortwährenden Wandel unterworfen.
In Greiz wurden Roths Gemälde zu Landkarten psychologischer Erfahrung. Sie zeigten die Seele nicht als beständiges Wesen, sondern als eine Landschaft, die durch Erinnerungen, Gefühle und Wahrnehmungen immer wieder neu geformt wird.
Schlussbetrachtung
In ihrer Gesamtheit verdeutlichen die drei Ausstellungen die große Bandbreite und zugleich die innere Geschlossenheit von Yaya Bela Roths künstlerischer Praxis. Vom interkulturellen Dialog der Ausstellung „New Visions for a New Audience“ in Chongqing über die philosophischen Reflexionen von „Cogitatio Artium“ in Weiz bis hin zu den introspektiven Räumen von „Landscapes of the Soul“ in Greiz zeigt Roth, dass die zeitgenössische Malerei nach wie vor ein besonders kraftvolles Mittel zur Erforschung menschlicher Erfahrung ist.
Obwohl jede Ausstellung einen anderen thematischen Schwerpunkt entwickelte, waren alle von einer gemeinsamen Überzeugung getragen: Malerei kann etwas vermitteln, das sich der Sprache häufig entzieht. Durch Farbe, Geste, Rhythmus und Atmosphäre lädt Roth die Betrachtenden dazu ein, sich nicht nur mit der vor ihnen liegenden Leinwand auseinanderzusetzen, sondern auch mit ihren eigenen Wahrnehmungen, Erinnerungen und Emotionen.
In einer Zeit, die zunehmend von Geschwindigkeit und Ablenkung geprägt ist, bekräftigt ihr Werk den bleibenden Wert von Aufmerksamkeit, Kontemplation und bedeutungsvoller Begegnung. In Roths Gemälden wird Farbe zu Denken, Denken zu Erfahrung und Erfahrung zu einer gemeinsamen menschlichen Sprache.
© Das Copyright des Textes liegt bei Dr. Davood Khazaie
Webseite Yaya Bela Roth






