Das Gewicht des Bleibenden: Die Kunst von Nowgol Mohseni

Nowgol Mohsenis künstlerische Praxis ist im Bruch und nicht in der Kontinuität verwurzelt. Ihr Werk entsteht nicht aus einer abstrakten Reflexion über Identität, sondern aus gelebten Erfahrungen von Ausgrenzung, Vertreibung und Distanz zur Heimat. In Iran geboren und aufgewachsen, entwickelte sie sich als Künstlerin in einem kulturellen und politischen Umfeld, in dem persönliche Ausdrucksformen untrennbar mit gesellschaftlicher Regulierung verbunden sind. Anstatt diesen Kontext direkt oder didaktisch zu erzählen, lässt Mohseni ihn im Laufe der Zeit ihre visuelle Sprache formen. Ihre Praxis hat sich von konfrontativer, gewaltzentrierter Bildsprache hin zu einer ruhigeren, jedoch strukturell komplexeren Auseinandersetzung mit Exil, Erinnerung und Nachwirkung entwickelt.

Biografie und Ausbildung

Mohsenis disziplinierter Zugang zur Kunst begann im Iran, wo sie ein kunstorientiertes Gymnasium besuchte. Die frühe Ausbildung im figurativen Zeichnen und Malen legte ein starkes technisches Fundament und begründete eine nachhaltige Auseinandersetzung mit dem menschlichen Körper. In dieser prägenden Phase wurde der Körper zu einem zentralen Ort der Untersuchung – nicht nur als Form, sondern als etwas, das durch Kontrolle, Ausdauer und äußere Einwirkung geformt wird.

Ein entscheidender Wandel erfolgte vor drei Jahren nach Mohsenis Umzug in das Vereinigte Königreich, wo sie ein formales Studium der Bildenden Kunst mit Schwerpunkt Malerei begann. Die Distanz zum Iran minderte die politische Dringlichkeit ihrer Arbeit nicht; vielmehr veränderte sie die Art und Weise, wie diese Dringlichkeit zum Ausdruck kommt. Entfernt von unmittelbarer Nähe zur Gewalt, wandte sie sich allmählich von der Darstellung der Ereignisse selbst ab und richtete ihren Blick auf deren Rückstände – auf das, was bleibt, nachdem der Bruch bereits stattgefunden hat.

Ihr Arbeitsprozess spiegelt die selbstbestimmte Struktur ihrer künstlerischen Ausbildung im Vereinigten Königreich wider, die konzeptuelle Unabhängigkeit und kritische Reflexion betont. Technisch weitgehend autodidaktisch, arbeitet Mohseni mit Aquarell, Kohle, Tinte, Öl und Acryl. Zunehmend bevorzugt sie Acryl aufgrund seiner Schnelligkeit und Reaktionsfähigkeit, die es ihr ermöglicht, flüchtige emotionale Zustände und ungelöste Erinnerungen festzuhalten. Das Zeichnen bleibt grundlegend für ihre Praxis und fungiert nicht als Vorbereitung, sondern als Ort des Experimentierens und Prüfens. Kalligrafische Elemente erscheinen gelegentlich in ihren Werken und verankern ihre visuelle Sprache in persischen kulturellen und sprachlichen Traditionen.

Literatur und Philosophie spielen ebenfalls eine bedeutende Rolle für ihre Sensibilität. Mohseni setzt sich mit Denkern wie Nietzsche und Schopenhauer auseinander, ebenso mit Schriftstellern wie Dostojewski, Mahmud Darwisch und Khaled Hosseini, deren Reflexionen über Krieg, Vertreibung und moralischen Kampf mit ihren eigenen Themen resonieren. Das Lesen in persischer Sprache bleibt eine bewusste Form kultureller Kontinuität, selbst während sie in einem internationalen akademischen Umfeld arbeitet.

Künstlerische Praxis und zentrale Werke

Coca-Cola (2022)

Coca_cola – Acryl- und Ölfarbe auf Leinwand – 60 x 80 cm – 2022


Acryl- und Ölfarbe auf Leinwand, 60 × 80 cm

Mohsenis frühe Gemälde konzentrieren sich auf die physischen Folgen von Protest und Inhaftierung. Anstatt auf Allegorie oder Abstraktion zurückzugreifen, stellt sie den Körper mit anatomischer Präzision dar – gespannte Muskeln, freiliegende Rippen, verdrehte Gliedmaßen – und betont so die materielle Realität von Schmerz. Coca-Cola ist eine singuläre und kompromisslose Konfrontation mit Folter.

In diesem Werk werden menschliche Körper in die starre Form einer Glasflasche gezwängt, komprimiert und gestapelt, ohne Möglichkeit zur Bewegung. Transparenz wird zum Mechanismus der Grausamkeit: Alles ist sichtbar, doch nichts ist frei. Die Flasche fungiert nicht als popkulturelle Referenz, sondern als industrieller Apparat, der den Körper standardisiert, einschließt und entmenschlicht, während sie zugleich als phallisches Symbol von Dominanz und Folter wirkt. Mohseni führt diese Bildsprache nicht in einer Serie fort; das Gemälde bleibt eine isolierte, deklarative Aussage.

Die Serie „A Jar of Soil“

Das freiwillige Exil wurde zu einer Bedingung, die Nowgols Wahrnehmung von Erinnerung und Raum prägte und zur fortlaufenden Serie A Jar of Soil führte. Das Glas mit Erde aus ihrer Heimat fungiert als wiederkehrendes, jedoch instabiles Motiv – mal geschützt, mal versetzt, mal geleert. Es symbolisiert nicht die Heimat selbst, sondern den fragilen Versuch, Fragmente von ihr über Grenzen hinweg zu tragen.

Goodbye (2023)

Auf Wiedersehen – Acryl auf Karton – 20,5 x 20,5 cm – 2023


Acryl auf Karton, 20,5 × 20,5 cm

In Goodbye erscheint das Glas als bescheidenes Alltagsobjekt auf einem Tisch vor einem zurückweichenden architektonischen Hintergrund. Die verschüttete Erde wird zur stärksten Geste des Gemäldes: unumkehrbar, zurückhaltend und leise verheerend. Architektur fungiert hier als Erinnerung statt als Monument, mit wiederholten Bögen, die kulturelles Erbe ohne Autorität oder Spektakel andeuten. Das Werk ist reduziert und signalisiert Nowgols wachsendes Vertrauen in Abwesenheit und Stille als Bedeutungsträger.

Dance (2026)

Tanz – Acryl auf Leinwand – 133 x 70 cm – 2026


Acryl auf Leinwand, 133 × 70 cm

Dance zeigt kollektive Bewegung als instabile und ungelöste Bedingung. Obwohl die Figuren in gemeinsamer Bewegung erscheinen, bietet der Raum keinen Halt oder Abschluss. Körper sind verlängert, aufgeraut und teilweise ausgelöscht, was Bewegung als Anstrengung statt als Leichtigkeit erscheinen lässt. Die Oberfläche widersetzt sich Fließfähigkeit; Bewegung wird zur Ausdauer.

Im Zentrum der Komposition ist das Glas – einst mit Bewahrung assoziiert – verschoben und horizontal gedreht. Offen und exponiert unterbricht es die Bewegung, anstatt sie zu ordnen. Die Figuren drängen daran vorbei, als würden sie ein in ihren Weg eingebettetes Hindernis überwinden. Eine rote Spur von Blut, die aus dem Glas austritt, verweist auf schwere Verletzung ohne Spektakel und verschiebt den Fokus von Gewalt als Ereignis hin zu Gewalt als Ausdauer.

Das Werk wurde inspiriert von Ahoo Daryaeis öffentlichem Akt der Entkleidung auf Irans Straßen als Protest gegen den Zwangshijab – ein Akt, der körperliche Autonomie durch Sichtbarkeit statt Verhüllung zurückeroberte. In diesem Kontext fungiert Nacktheit nicht als Verletzlichkeit, sondern als Behauptung. Die kollektive Bewegung im Gemälde spiegelt diese Geste wider und versteht Tanz als trotzige Handlung durch Wiederholung und Präsenz.

Zugleich tritt das Werk in einen leisen Dialog mit Henri Matisses Dance, indem es dessen Prämisse umkehrt. Wo Matisse Harmonie und Freiheit als erreichte Zustände imaginiert, zeigt Nowgol Bewegung als umkämpft und eingeschränkt. Darüber hinaus resoniert das Gemälde mit Bildern von Müttern, die auf den Gräbern ihrer während der iranischen Proteste 2025–2026 getöteten Angehörigen tanzen – wo Trauer zur kollektiven Geste des Widerstands wird, als Beharren auf Präsenz unter Gewalt und totalitärer Macht.

Remains of War (2026)

Überreste des Krieges – Acryl auf Leinwand – 110 x 75 cm – 2026


Acryl auf Leinwand, 110 × 75 cm

Dieses Gemälde konstruiert eine Umgebung, die vom Nachhall der Gewalt geformt ist und nicht von deren Spektakel. Die Komposition zerbricht in historische Tiefe und zeitgenössische Leere. Rote lineare Markierungen durchziehen die Oberfläche wie forensische Diagramme oder Laserlinien und übersetzen Gewalt in Geometrie. Im Vordergrund fungieren ein umgekipptes Glas, ein geleertes Gefäß und ein schlaffer grüner Faden als Beweismaterial. Der Krieg ist abwesend; geblieben sind Spuren und Rückstände.

Der mythologische Register

Neben ihren architektonischen Arbeiten hat Nowgol eine parallele Werkgruppe entwickelt, die im mythologischen Register operiert, in dem Exil als im Körper selbst eingeschriebene Bedingung erscheint.

Escape (2023)

Flucht – Tinte und Metallstift auf Karton – 14,5 x 25 cm – 2023


Tinte und Metallstift auf Karton, 14,5 × 25 cm

In Escape überlagern und verschmelzen mehrere Figuren, ihre Körper gebunden und eingeschränkt. Sie wiederholen eine einzige greifende Geste hin zu einem Vogel, der innerhalb einer leuchtenden Grenze eingeschlossen ist. Freiheit ist sichtbar, aber strukturell unerreichbar. Der dunkle, tiefenlose Hintergrund bietet keinen Horizont oder Ausgang und verstärkt das Gefühl der Einhegung. Das Werk dramatisiert nicht das Scheitern; es hält Exil als ungelöste kollektive Bedingung fest.

Our Roots (2024)

Unsere Wurzeln – Acryl auf Leinwand – 25 x 25 cm – 2024


Acryl auf Leinwand, 25 × 25 cm

Our Roots reduziert den Körper auf Füße, die sich in Erde und Wurzeln auflösen. Identität ist nicht länger individuell, sondern vererbt und auferlegt. Die Wurzeln binden ebenso sehr, wie sie verankern, und verwandeln Herkunft in Last. Das Bild operiert als zeitgenössischer Mythos, in dem Zugehörigkeit untrennbar mit Verstrickung verbunden ist.

Fazit

Während Nowgol Mohseni sich ihrem Abschluss und ihrer Degree Show in London nähert, erweitert sie ihre visuelle Sprache zunehmend in Richtung größerer Abstraktion, behält jedoch symbolische Anker bei. Was ihre Praxis auszeichnet, ist die Weigerung zur Auflösung. Ihr Werk bietet weder Erlösung noch Rückkehr, sondern verweilt in Spannung – in dem, was getragen wird, was verschüttet wird und was nicht zurückgewonnen werden kann. Durch Zurückhaltung und strukturelle Klarheit wird persönlicher Bruch in eine visuelle Sprache transformiert, die ethisch wachsam, präzise und leise kraftvoll bleibt.

© Das Copyright des Textes liegt bei Dr. Davood Khazaie

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