Von Nikolas van der Koelen
Was macht ein Kunstwerk aus? Aristoteles’ Aperçu aus seiner Metaphysik XII, nóēsis noéseōs nóēsis, oder „Bemerken ist das Bemerken des Bemerkens“, ermöglicht eine überraschend moderne und tiefgründige, ja erfrischende Perspektive auf dieses Problem – obwohl es sich um die zentrale Einsicht eines der meistdiskutierten Werke der europäischen Philosophiegeschichte handelt. Dies verdanken wir nicht zuletzt einer neuen Übersetzung aus dem Altgriechischen durch Erwin Sonderegger, die es unternimmt, Aristoteles von der erdrückenden Last offenbar dogmatischer Interpretationen zu befreien. Sein Werk (Anm. 1), provokativ untertitelt Ein spekulativer Entwurf ohne Gott, legt eine Grundlage, die zu einem vollständigen Umdenken der Metaphysik der Substanz auffordert. In diesem Zusammenhang erweist sich Sondereggers Aristoteles als ein unerwarteter Weggefährte von Edmund Husserl; obwohl beide verständlicherweise zögern, die Konsequenzen ihrer Überlegungen in aller Deutlichkeit auszusprechen. Es ist jedoch nicht unsere Aufgabe, hier die philosophische Debatte im Detail nachzuzeichnen. Vielmehr möchte ich die Leser dazu einladen, von diesem scheinbar einfachen Gedanken auszugehen – und gemeinsam eine Galerie zu betreten.
Es spielt keine Rolle, ob es sich um einen White Cube handelt oder um einen Flohmarkt, auf dem man vielleicht zufällig auf ein vergessenes Werk eines alten Meisters stößt. Die Frage, die wir stellen wollen, lautet: Wie erkennt man bei einer Begegnung ein wertvolles Objekt? Jenseits aller praktischen Überlegungen handelt es sich hierbei um ein erkenntnistheoretisches Problem; es betrifft die Frage, wie „Dinge“ überhaupt konstituiert werden. Das klassische philosophische Experiment, bereits von den Griechen durchgeführt, fordert Zweifler an einer äußeren Realität auf, so lange gegen einen Stein zu treten, bis sie überzeugt sind. Es muss aber nicht unbedingt ein Stein sein – und die Dinge werden noch rätselhafter, wenn man der Physik in den subatomaren Bereich folgt, in dem die Quantenmechanik gilt. Dennoch bleibt die wesentliche Tatsache bestehen: Durch Beobachtung treten „Dinge“ hervor und sind präsent, auch wenn nicht unmittelbar klar ist, was sie an sich sind. Edmund Husserl bezeichnet diese Dinge als originär selbstgegeben.
Der Garant für die Präsenz von Dingen ist das bewusste Selbst. Wenn ein Baum im Wald umfällt und niemand da ist, um das Geräusch wahrzunehmen, ergibt es keinen Sinn zu fragen, ob überhaupt ein Geräusch existiert. Man kann ein Aufnahmegerät aufstellen, doch erfahren wir von dem Geräusch erst, wenn das Gerät wiedergefunden und die Daten abgespielt werden. Letztlich ist das Bewusstsein dieser Tatsache ein bewusster Akt, der sich auf das Bewusstsein selbst bezieht: Ja, ich kann dieses Krachen hören. –
Dies hat eine Reihe von Konsequenzen für die Begegnung mit einem Kunstwerk.
Zum einen sind die Emotionen, die ein Betrachter in diesem Moment erlebt, nicht originär im Objekt selbst gegeben, sondern in der Disposition des Betrachters verwurzelt. Von dort aus beleuchten sie das Objekt – gleichsam wie mit farbigem Licht, wie Alfred Hitchcock seine Fähigkeit beschrieb, Gefühle in seinen Filmen zu vermitteln, indem er den Prozess mit dem Spiel auf einer Lichtorgel verglich. Interessanterweise ist dies dieselbe Metapher, die auch Husserl für das Problem verwendet. Sie passt zudem gut zur freudianischen Terminologie der Triebbesetzung.
Ein weiterer Aspekt betrifft die Einordnung eines Kunstwerks in einen bestehenden Diskurs. Die moderne Kunst spielt gerne mit Referenzen, und mitunter muss man diese kennen, um das Werk überhaupt verstehen zu können. Während die ursprüngliche Präsenz eines Objekts die Sinne anspricht, ist sein referenzieller Aspekt nicht auf diese Weise gebunden. Somit ist die ursprüngliche Präsenz mit einer symbolischen Bedeutung gekoppelt, deren Entschlüsselung die Fähigkeit voraussetzt, das verweisende Symbol als Symbol zu erkennen sowie Kenntnisse über den Diskurs zu besitzen, auf den es sich bezieht. In extremen Fällen überlagert der symbolische Verweis vollständig die ästhetische Qualität des Werkes. Tatsächlich kann die ästhetische Qualität der ursprünglichen Präsenz dabei mehr oder weniger ephemer werden.
Dies deutet auf den zutiefst dialogischen Charakter der ästhetischen Erfahrung im Bereich der bildenden Kunst hin. Der referenzielle Diskurs findet innerhalb des Bewusstseinsstroms statt, den ein Beobachter erlebt (und lenkt). Da alle Beobachter als Subjekte letztlich auf sich selbst bezogen sind, ähnelt jede Auseinandersetzung mit ästhetischen Fragen strukturell einem Dialog. Daraus folgt, dass die Erfahrung von Kunst sui generis ein soziales Unterfangen ist – in einer solipsistischen Welt könnten weder der Kunstbegriff noch der Subjektbegriff sinnvoll gedacht werden.
Wenn wir uns nun von der Vorstellung der ursprünglichen physischen Präsenz lösen, wird deutlich, wie Joseph Beuys’ Konzept der Sozialen Plastik funktioniert. Diese Idee lässt sich nahtlos auf Performancekunst übertragen, einschließlich Flashmobs, bei denen selbst der kontextualisierende Rahmen der Kunst für zumindest manche potenzielle Beobachter ephemer ist.
Auf der anderen Seite ist der Kontext der Kunstpräsentation nicht bloß eine Ergänzung des ursprünglich gegebenen Objekts, sondern ist grundsätzlich mit dessen Erfahrung verbunden, auch wenn dies nicht immer ausdrücklich benannt wird.
Die Begegnung mit einem Objekt, das Lesen eines Objekts und das Versammeln um ein Objekt sind durch die eigentümliche Qualität des noetischen Bewusstseins untrennbar miteinander verbunden.
Edmund Husserl bezeichnet die Fähigkeit, durch die „Dinge“ konstituiert werden, als synthetische Apperzeption, in Anlehnung an Immanuel Kants Konzept der Synthesis. Solange wir keine Maschinen bauen können, die über eigene Erfahrung im Sinne synthetischer Apperzeption verfügt, müssen wir uns bewusst bleiben, dass das Bewusstsein das ursprüngliche „Erste“ in der alten griechischen Frage nach dem Wesen des Logos ist. In heutigen Begriffen mag man sich den Logos als den Quellcode des Daseins vorstellen, in dem das Universum bzw die Schöpfung programmiert ist – der jedoch weder verstehbar noch sagbar ist. Freilich schließen die formale Logik und Mathematik, wie etwa in Gödels Satz gezeigt, sowie die Erkenntnisse der Quantenphysik die Möglichkeit ganz und gar aus, dass eine solche Maschine jemals real wird – sie wäre dann nicht länger eine Maschine.
Anmerkung
- Erwin Sonderegger, Aristoteles’ Metaphysik Λ. Ein spekulativer Entwurf. Einführung, Übersetzung, Kommentar. Bern, 2008. English translation availabe at philpapers.org/rec/SONAM-3



