Holger Dempwolff:Landschaften zwischen Erinnerung und Unbehagen

Le Concert (The Concert) - Oil on cotton - 120 x 80 cm - 2026

Über das emotionale Eigenleben der Landschaft, die Vieldeutigkeit des Realismus und sechs in den Museen der Schloss- und Residenzstadt Greiz ausgestellte Gemälde

Auf den ersten Blick scheinen Holger Dempwolffs Gemälde vertraute Welten zu zeigen: schneebedeckte Berge, stille Seen, weite Himmel und Menschen, die sich in vertrauter Umgebung versammeln. Doch unter ihren sorgfältig ausgearbeiteten Oberflächen tritt allmählich etwas schwerer Fassbares hervor. Licht und Schatten gehen unerwartete Beziehungen ein, Landschaften gewinnen eine beinahe psychologische Präsenz, und gewöhnliche Szenen lassen Wirklichkeiten erahnen, die über das unmittelbar Sichtbare hinausreichen. Dempwolffs Kunst bewegt sich auf jener feinen Schwelle zwischen Beobachtung und Vorstellungskraft, auf der Schönheit weder unbefangen noch zwangsläufig beruhigend ist und die sichtbare Welt zum Spiegel innerer Erfahrungen wird.

Holger Dempwolff wurde 1958 in Göttingen geboren und wuchs in München auf. Sein Elternhaus war von künstlerischer Kreativität geprägt. Sein Vater komponierte Filmmusik, seine Mutter arbeitete beim Film, und sein Großvater war Maler. Bei Ausflügen in die bayerische Landschaft führte dieser ihn früh an die Aquarellmalerei heran. Dabei lernte Dempwolff, Wasser, Wolken und natürliches Licht mit besonderer Aufmerksamkeit zu beobachten. Nach Abschluss seines Kunststudiums 1984 in Basel lebt und arbeitet er heute im Schweizer Jura nahe Biel sowie in Südfrankreich. Zu seinen künstlerischen Vorbildern zählen Johannes Vermeer, Salvador Dalí und Caspar David Friedrich. Deren jeweilige Beschäftigung mit der Präzision des Lichts, der imaginativen Verwandlung der Wirklichkeit und der geistigen Dimension der Landschaft klingt in seinen Arbeiten nach.

Dempwolff bezeichnet seinen Ansatz als „stille, figurative Malerei“. Seine Kompositionen gehen häufig von Fotografien, Skizzen und Erinnerungen aus, die er zu sorgfältig konstruierten Szenen zusammenfügt. In aufeinanderfolgenden Farbschichten erarbeitet er eine außergewöhnliche Detailgenauigkeit, ohne das Gleichgewicht der Gesamtkomposition aus dem Blick zu verlieren. Doch technische Präzision ist für ihn nie bloße Übung in der Wiedergabe des Sichtbaren. Sie ermöglicht es ihm, Situationen überzeugend darzustellen, in denen Realität und Vorstellungskraft unmerklich ineinander übergehen.

Diese Bildsprache findet in Seelenlandschaften, der internationalen Ausstellung zeitgenössischer Kunst, einen besonders sinnfälligen Rahmen. Die Ausstellung ist vom 3. Oktober bis zum 22. November 2026 in den Museen der Schloss- und Residenzstadt Greiz zu sehen. Die in Zusammenarbeit mit Pashmin Art Consortia präsentierte Schau rückt Dempwolffs Werke in einen Zusammenhang, in dem Landschaft nicht nur als geografische Szenerie, sondern als Trägerin von Erinnerung, Gefühl und psychologischer Reflexion erfahrbar wird. Seine sechs ausgestellten Gemälde erschließen unterschiedliche Facetten dieses Verhältnisses.

In Le Départ (Die Abreise, 2025) entfaltet sich eine Hafenszene vor einer gewaltigen Wand schneebedeckter Berge. Ein großes Schiff beherrscht den Vordergrund; an der Uferpromenade haben sich kleine Gestalten in historisch anmutender Kleidung versammelt. Architektur, Kleidung und maritime Details erinnern an eine vergangene Epoche, doch die aufragenden Berge scheinen nahezu unverhältnismäßig nah. So entsteht eine bemerkenswerte Spannung zwischen dem Vertrauten und dem Unwahrscheinlichen. Die Komposition legt ein Zusammentreffen verschiedener geografischer und zeitlicher Wirklichkeiten nahe, als seien Erinnerungsfragmente zu einem einzigen imaginären Ort zusammengefügt worden. Der Titel verweist auf den Aufbruch, einen Vorgang, der mit Erwartung, Ungewissheit und Veränderung verbunden ist. Vor der überwältigenden Beständigkeit der Berge erscheint menschliche Bewegung zugleich zielgerichtet und verletzlich.

Eine andere Stimmung prägt Winterlandschaft (2018). Hier blickt man auf eine weite, schneebedeckte Ebene, die sich unter einem ausgedehnten, wolkenreichen Himmel bis zum Horizont erstreckt. Dunkle Wasserflächen unterbrechen das Weiß des Geländes, während eine gewundene Straße durch die Landschaft in die Ferne führt. Die erhöhte Perspektive verleiht dem Bild eine außerordentliche Offenheit und lässt den Blick über feine Abstufungen von Atmosphäre und Gelände schweifen. Anders als die bedrängenden Berge in Le départ (Die Abreise) gewinnt diese Landschaft ihre emotionale Kraft aus Weite und Zurückhaltung. Die Straße deutet menschliche Gegenwart an, ohne die vorherrschende Stille zu stören. Der Winter wird so nicht nur zur Jahreszeit, sondern zu einem Zustand der Besinnung, der sowohl Einsamkeit als auch die Möglichkeit eines Neubeginns anklingen lässt.

In Dunkles Tal (2020) verdichtet Dempwolff die Begegnung von Licht und Dunkelheit. Über schneebedeckten Gipfeln spannt sich ein leuchtend türkisfarbener Himmel, während das Tal darunter in tiefgrünen und beinahe schwarzen Schatten versinkt. Der Kontrast ist eindringlich: Die oberen Partien der Landschaft erscheinen von strahlender Klarheit, doch das Tal entzieht sich dem Blick. Statt die Dunkelheit ausdrücklich als Bedrohung zu inszenieren, lässt das Gemälde sie als unerklärte Gegenwart bestehen. Der Blick wird zugleich von der kristallinen Schönheit der Berge angezogen und zu den verborgenen Tiefen darunter geführt. Diese Spannung erinnert an die romantische Faszination für das Erhabene, insbesondere an die Vorstellung, dass die Natur Staunen wecken und zugleich dem menschlichen Begreifen letztlich entzogen bleiben kann.

Besonders eindringlich wird das Verhältnis zwischen menschlicher Wahrnehmung und Umwelt in Le Concert (Das Konzert, 2026). Hunderte individuell ausgearbeiteter Figuren bevölkern den Vordergrund. Sie sitzen oder stehen in lebhaften Gruppen beisammen und erwarten den Beginn eines Konzerts. Hinter ihnen erhebt sich eine gewaltige, schneebedeckte Felswand, die von einem goldenen Lichtstrahl dramatisch erhellt wird. Der Gegensatz zwischen dem dicht gedrängten gesellschaftlichen Beisammensein und der monumentalen Landschaft erzeugt eine starke visuelle und psychologische Irritation. Dempwolff hat erläutert, dass diese mächtige Felsformation am tatsächlichen Schauplatz nicht existiert, sondern von ihm bewusst in die Komposition eingefügt wurde. Für ihn verweist sie darauf, dass Menschen ihren Gesprächen und Vergnügungen nachgehen können, ohne etwas möglicherweise Bedrohliches im Hintergrund wahrzunehmen. Dennoch entzieht sich das Gemälde einer eindeutigen Lesart. Das goldene Licht verleiht dem Gebirge beinahe transzendente Züge, während die Vielzahl der Menschen eine Atmosphäre von Lebendigkeit und gemeinschaftlichem Erleben schafft. Freude, Schönheit, Verletzlichkeit und Ungewissheit bestehen nebeneinander, ohne sich zu einer einzigen Botschaft zu fügen. Die außerordentliche Geduld, die das Malen der einzelnen Gesichter verlangt, unterstreicht zugleich die Aufmerksamkeit des Künstlers für die Vielschichtigkeit menschlicher Wahrnehmung.

In Light on Earth (Licht auf der Erde, 2026) rückt die psychologische Bedeutung des Lichts ins Zentrum. Eine Folge von Bergrücken verliert sich unter einem hellen Himmel in der Ferne, während der Vordergrund in Dunkelheit gehüllt bleibt. Eine schmale, gewundene Straße vermittelt einen fragilen Eindruck von Bewegung innerhalb der Landschaft. Dempwolff hat den grundlegenden Widerspruch des Bildes selbst beschrieben: Obwohl der Himmel außergewöhnlich hell ist, scheint sein Licht die Erde nicht erreichen zu können. So verwandelt sich ein vermeintlich friedliches Panorama in eine Betrachtung über Distanz und Trennung. Die sanften atmosphärischen Übergänge laden zur Kontemplation ein, doch das vorenthaltene Licht weckt eine leise Unsicherheit hinsichtlich des Verhältnisses von Erscheinung und Wirklichkeit.

Shadows and Roses (Schatten und Rosen, 2026) bildet dazu einen intimeren Gegenpol. Im Vordergrund entfalten sich üppige rosafarbene Rosen; dahinter liegen glitzerndes Wasser und ein steil aufragender Berg am gegenüberliegenden Seeufer. Die zarten Blumen, die kühle blaue Atmosphäre und die monumentalen geologischen Formen schaffen ein Wechselspiel von Zartheit und Beständigkeit, Nähe und Ferne. Licht wandert über das Wasser, während die schattigen Flanken des Berges der Komposition Tiefe und Schwere verleihen. Die Rosen können an Zuneigung, Vergänglichkeit oder die kultivierte Schönheit menschlicher Erfahrung denken lassen; der Berg hingegen verweist auf eine Natur, deren Dauer weit über das Leben des Einzelnen hinausreicht. Anders als in den stärker beunruhigenden Kompositionen darf die Harmonie hier bestehen bleiben, selbst wenn der Titel daran erinnert, dass Schönheit und Schatten untrennbar miteinander verbunden sind.

© Das Urheberrecht am Text liegt bei Dr. Davood Khazaie

Website von Holger Dempwolff

Pashmin Art Consortia

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