Ursprünge: Vertreibung und Identität
Transformation steht im Mittelpunkt der künstlerischen Praxis von Andreas Schmidt. Er arbeitet hauptsächlich mit ausrangierten Schallplatten und beschäftigt sich dabei mit Erinnerung, Migration, Wahrnehmung, Erneuerung und der Möglichkeit, übersehenen Materialien eine neue Bedeutung zu verleihen. Obwohl sein Werk häufig mit Nachhaltigkeit und technischer Innovation verbunden wird, liegt sein tieferer Ursprung in einem Leben, das von Vertreibung und kultureller Hybridität geprägt ist.
Schmidt wurde 1980 in Kasachstan in eine Familie deutscher Abstammung geboren und erbte eine von Zwangsmigration geprägte Geschichte. Seine Vorfahren gehörten zu deutschstämmigen Gemeinschaften, die sich in der Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Wolgadeutschen niedergelassen hatten, bevor sie unter Stalin in den 1940er-Jahren nach Kasachstan deportiert wurden. Ihre Erfahrungen von Umsiedlung und Unsicherheit wurden Teil des kollektiven Gedächtnisses der Familie und beeinflussten Schmidts Verständnis von Identität und Zugehörigkeit.
Im Alter von sechs Jahren zog er von Kasachstan nach Russland, mit elf Jahren folgte die Übersiedlung nach Deutschland. Obwohl Deutschland als Rückkehr in die Heimat seiner Vorfahren dargestellt wurde, entstand dort nicht sofort ein Gefühl der Zugehörigkeit. Stattdessen fand sich Schmidt zwischen verschiedenen Kulturen wieder. Die Kunst wurde für ihn zu einem Raum, in dem er diese Spannungen in kreative Energie, Freiheit und Selbsterkenntnis verwandeln konnte.
Die Entdeckung von Vinyl als künstlerischem Material
Bevor Schmidt sich vollständig der Kunst widmete, finanzierte er sein Studium durch den internationalen An- und Verkauf großer Schallplattensammlungen. Dadurch lernte er, Schallplatten nicht nur als Träger von Musik zu betrachten, sondern auch als Gegenstände voller Kulturgeschichte, Erinnerungen und emotionaler Bindungen.
Gleichzeitig beobachtete er, wie leicht beschädigte, veraltete oder nicht mehr gewünschte Schallplatten weggeworfen wurden. Dieser Widerspruch faszinierte ihn. Vinyl konnte Klänge über Jahrzehnte hinweg bewahren und wurde dennoch häufig als Abfall behandelt, sobald es seinen praktischen Nutzen verloren hatte.
Schmidt begann sich zu fragen, ob aus diesen Gegenständen etwas vollkommen Neues entstehen könnte. Das Material entsprach seinen eigenen Erfahrungen mit Migration und Neuerfindung. Wie Menschen, die durch veränderte Lebensumstände entwurzelt werden, konnten auch Schallplatten eine neue Identität erhalten, ohne die Spuren ihrer Vergangenheit zu verlieren. Ihre Rillen, Etiketten, Kratzer und ihre frühere Funktion bleiben im fertigen Kunstwerk sichtbar.
Die Beherrschung eines unerbittlichen Materials
Die Arbeit mit Vinyl erwies sich als technisch äußerst anspruchsvoll. Als thermoplastischer Kunststoff reagiert es empfindlich auf Druck, Hitze und Reibung. Zu viel Kraft kann das Material zum Brechen bringen, während zu schnelles Sägen dazu führen kann, dass es schmilzt.
Schmidt begann um das Jahr 2011 mit seinen Experimenten und intensivierte seine Untersuchungen nach 2017. Da es nur wenige etablierte Verfahren gab, an denen er sich orientieren konnte, entwickelte er seine Techniken durch fortlaufendes Ausprobieren. Zu seinen wichtigsten Werkzeugen wurde die Laubsäge, eine feine Säge, die traditionell für präzise Holzarbeiten verwendet wird. Ihr nur etwa einen Millimeter dünnes Sägeblatt ermöglicht komplizierte Schnitte, doch die Arbeit mit Vinyl verlangt eine außergewöhnliche Kontrolle.
Mit der Zeit lernte Schmidt, Druck, Geschwindigkeit und Temperatur äußerst präzise zu regulieren. Heute fertigt er filigrane Ausschnitte in den schmalen Mittelflächen von Sieben- und Zwölf-Zoll-Schallplatten an. Außerdem schafft er fein ausgearbeitete Einlinienzeichnungen direkt auf den Oberflächen der Platten.
Die Schallplatten werden dabei nicht lediglich recycelt. Sie werden in einem arbeitsintensiven Prozess transformiert, der handwerkliches Können, Geduld und Erfindungsreichtum miteinander verbindet. Die Grenzen des Materials werden Teil eines kreativen Dialogs. Sie zwingen Schmidt dazu, mit dem Material zu arbeiten, anstatt es vollständig beherrschen zu wollen.
Drei Wege der Transformation
Schmidts künstlerische Praxis hat sich in drei miteinander verbundene Arbeitsweisen entwickelt. Die erste ist das manuelle Ausschneiden von Vinyl, das die Grundlage seiner künstlerischen Sprache bildet. Diese Arbeiten betonen Präzision, Intimität und die unmittelbare Auseinandersetzung mit dem Material.
Die zweite Arbeitsweise ist die Collage. Dabei kombiniert Schmidt Plattenhüllen, Papier, gedruckte Bilder und Fragmente aus der visuellen Kultur der Musik. Durch die Neuanordnung vertrauter Materialien entstehen neue bildliche Erzählungen aus Gegenständen, die ursprünglich einer anderen Funktion dienten.
Die dritte Methode nutzt CNC-Technologie, um großformatige geometrische Kompositionen herzustellen. Eine einzelne Schallplatte ist auf einen Durchmesser von ungefähr dreißig Zentimetern begrenzt. Die digitale Produktion ermöglicht es Schmidt jedoch, zahlreiche Elemente miteinander zu verbinden und monumentale Installationen zu schaffen.
Das in Peking ausgestellte Werk I Spy with My Little Eye veranschaulicht diese Erweiterung des Maßstabs. Es besteht aus miteinander verbundenen Rauten und erscheint auf den ersten Blick als einfache schwarze geometrische Form. Bei genauerer Betrachtung treten die weißen Flächen hinter der Struktur hervor und erzeugen Tiefe, Bewegung und wechselnde optische Effekte. Das Erscheinungsbild verändert sich abhängig von Entfernung, Blickwinkel, Licht und Aufmerksamkeit.
Diese aktive Einbeziehung des Betrachters ist für Schmidts geometrische Arbeiten von zentraler Bedeutung. Das Kunstwerk ist kein feststehendes Bild, sondern eine visuelle Erfahrung, die sich erst im Verlauf der Betrachtung entfaltet.
Wahrnehmung, Philosophie und Haben und Sein
Zu Schmidts bedeutendsten Arbeiten gehört Haben und Sein. Die zweiteilige Komposition vereint viele der philosophischen Fragestellungen, die sich durch seine gesamte künstlerische Praxis ziehen.
Die erste Tafel, Haben, besteht aus farbigen, aus Vinyl geschnittenen Rauten. Rote, gelbe, blaue sowie schwarz-weiße Elemente stehen für unterschiedliche menschliche Temperamente und Verhaltensweisen. Die zweite Tafel, Sein, ordnet dieselben Farben zu einem dynamischen Bildfeld neu an, das optische Bewegung erzeugt und die Wahrnehmung des Betrachters herausfordert.
Für Schmidt stehen „Haben“ und „Sein“ für zwei gegensätzliche Arten, das Leben zu betrachten. Das Haben ist mit Anhäufung, Besitz und dem Verlangen nach dem verbunden, was fehlt. Das Sein hingegen entwickelt sich durch Selbstverwirklichung, Bewusstsein und die Akzeptanz von Komplexität. Es beruht auf der Erkenntnis, dass die Wirklichkeit aus verschiedenen Perspektiven verstanden werden kann und nicht auf eine einzige Interpretation reduziert werden sollte.
Das Werk kann in unterschiedlichen Ausrichtungen installiert werden. Dadurch wird die Vorstellung verstärkt, dass Bedeutung immer vom jeweiligen Standpunkt abhängt. Selbst die ursprünglichen Rillen der Schallplatten werden neu ausgerichtet und erzeugen dadurch neue visuelle Strömungen und Bewegungsrichtungen.
Auch die Raute besitzt eine symbolische Bedeutung. Sie besteht aus zwei Dreiecken und erinnert an eine Form der Navigation. Dadurch verweist sie auf Richtung, Entscheidung und Bewegung. Diese Assoziationen verbinden das Werk mit Schmidts übergeordneten Themen Migration, Identität und Transformation.
Sprache, Kultur und visuelles Denken
Sprache und interkultureller Austausch haben Schmidts künstlerische Haltung stark beeinflusst. Als junger Mann studierte er im Rahmen seines Bachelor of Arts Studiums Mandarin-Chinesisch. Die visuelle Beschaffenheit der chinesischen Schriftzeichen veränderte sein Verständnis von Kommunikation. Sie zeigte ihm, wie Sprache durch Bilder, Metaphern und Assoziationen funktionieren kann.
Diese Erkenntnis stärkte seine Überzeugung, dass bildende Kunst sprachliche Grenzen überwinden kann. Schmidt spricht Deutsch, Englisch, Russisch und Chinesisch. Sein mehrsprachiger Hintergrund unterstützt eine künstlerische Philosophie, die auf Offenheit und Neugier beruht. Anstatt sich auf einen einzigen Stil zu beschränken, bewegt er sich zwischen Zeichnung, Skulptur, Collage, Installation und digitaler Produktion.
Auch das Spielerische spielt in seiner Arbeit eine wichtige Rolle. Es zeigt sich in geometrischen Serien, deren Titel auf Kinderspiele verweisen, ebenso wie in seiner Bereitschaft, unbekannte Methoden auszuprobieren. Für Schmidt beruht Kreativität auf Entdeckung und nicht auf Wiederholung.
Nachhaltigkeit über das Recycling hinaus
Obwohl Schmidts Verwendung ausrangierter Schallplatten seine Kunst unmittelbar mit dem Thema Nachhaltigkeit verbindet, gehen seine Anliegen weit über das bloße Recycling hinaus. Seine Arbeiten stellen die Wegwerfkultur infrage, die große Teile der heutigen Konsumgesellschaft prägt. Indem er nicht mehr verwendetes Vinyl in dauerhafte Kunstwerke verwandelt, hinterfragt er herkömmliche Vorstellungen von Nützlichkeit und Wert.
Dieses Prinzip erstreckt sich auch auf andere Materialien. In Weathering kombiniert Schmidt Vinyl mit Treibholz und weiteren Fundstücken. Dadurch entsteht ein Dialog zwischen industrieller Herstellung und natürlichen Prozessen. In anderen Arbeiten gießt er Acrylfarbe auf Vinyl. Da die Kunststoffoberfläche nicht porös ist, verhält sich die Farbe unvorhersehbar und muss sorgfältig kontrolliert werden.
Für Schmidt ist dieser Widerstand des Materials produktiv. Materielle Schwierigkeiten führen zu neuen Ideen und Lösungen. Nachhaltigkeit wird dadurch zu mehr als einer ethischen Haltung: Sie wird zu einem Auslöser für Innovation.
Aktion, Resignation und Transformation
Schmidt fasst seine Philosophie in drei Begriffen zusammen: Aktion, Resignation und Transformation. Aktion bezeichnet die Entscheidung, schöpferisch tätig zu werden – sich mit Materialien auseinanderzusetzen, Hindernisse zu überwinden und etwas Neues hervorzubringen.
Resignation bedeutet, Unsicherheit anzunehmen und die Illusion vollständiger Kontrolle aufzugeben. Die Arbeit mit Vinyl verstärkt diese Erkenntnis, da die physischen Eigenschaften des Materials nicht ignoriert werden können.
Transformation entsteht aus dem Zusammenspiel dieser beiden Kräfte. Aus weggeworfenen Gegenständen werden Kunstwerke, technische Probleme verwandeln sich in kreative Möglichkeiten und persönliche Geschichten werden zu Quellen der Bedeutung. Schallplatten werden von Klangträgern zu visuellen Strukturen. Erfahrungen der Vertreibung werden zu Meditationen über Identität. Abfall wird zu Schönheit, und Begrenzung wird zu Möglichkeit.
Letztlich ist Vinyl weit mehr als nur Schmidts bevorzugtes Arbeitsmaterial. Es wird zu einer Metapher für Widerstandsfähigkeit. Zerkratzte, beschädigte und vergessene Schallplatten erhalten ein neues Leben – so wie auch Menschen sich durch Erfahrungen und Veränderungen immer wieder neu formen.
In einer Welt, die von Konsum, Mobilität und Fragmentierung geprägt ist, lädt Schmidts Werk dazu ein, das Ausrangierte neu zu betrachten und das kreative Potenzial zu erkennen, das sowohl in Materialien als auch in uns selbst verborgen liegt.







