Lisa Etterich ist eine deutsche Malerin, deren Werk sich frei zwischen Abstraktion, Landschaft, materieller Experimentierfreude und spiritueller Reflexion bewegt. Geboren in Dülmen, wo sie bis heute lebt und arbeitet, studierte sie von 1971 bis 1974 Design an der Fachhochschule Münster. Anschließend setzte sie ihre künstlerischen Studien an der Kunstschule Hamburg und der Kunstschule Zürich fort, bevor sie von 1995 bis 1998 das Institut für bildende Kunst Bochum besuchte. Dort studierte sie bei Professor Dr. Yang, dessen Lehre sie mit Zeichnung, Tuschemalerei, aufmerksamer Beobachtung und den meditativen Traditionen der ostasiatischen Kunst vertraut machte.
Etterichs künstlerische Laufbahn entwickelte sich durch regionale Ausstellungen, internationale Kunstveranstaltungen und eine kontinuierliche Zusammenarbeit mit Pashmin Art. Zu ihren früheren international dokumentierten Auftritten zählt die Gruppenausstellung „Pro Biennale“ 2015 in Venedig, bei der ihre Werke in einem mit der Milano Art Gallery verbundenen Projekt präsentiert wurden. Die begleitende Presse hob insbesondere die vielschichtige Materialität ihrer Malerei, ihre Beziehung zur Erinnerung und ihre Hinwendung zu einer metaphysischen Abstraktion hervor.
Eine besonders bedeutende Präsentation fand 2016 statt, als ihre Werke im Rahmen des Pashmin-Art-Projekts „It is all about art – Wenn Kunst zur Wissenschaft wird“ an der Technischen Universität Hamburg gezeigt wurden. Die Ausstellung brachte internationale Künstlerinnen und Künstler in einen Dialog mit Wissenschaft, Technologie, Mythologie, Geografie, Politik und der natürlichen Welt. Etterichs Gemälde eigneten sich in besonderer Weise für diesen Kontext, da ihre Oberflächen häufig an Luftaufnahmen, geologische Formationen, atmosphärische Systeme oder Visionen sich verwandelnder Materie erinnern.
Ihre Zusammenarbeit mit Pashmin Art setzte sich in mehreren gut dokumentierten Ausstellungen fort. 2021 nahm sie an der virtuellen Hamburger Ausstellung „Figuratum durch Abstractum I“ teil, die sich mit den fortbestehenden Möglichkeiten der Abstraktion auseinandersetzte. Im Februar 2022 waren ihre Arbeiten in der „Valentine Exhibition“ in der Pashmin Art Gallery in Hamburg zu sehen. 2023 gehörte sie zu den vier Künstlerinnen und Künstlern der Ausstellung „Metaphysische Mosaike: Traumlandschaften, Realitäten und Darüber Hinaus“ am Standort der Galerie in Bad Tölz. Diese Ausstellung brachte ihre Kunst ausdrücklich mit traumähnlichem Surrealismus, kosmischer Harmonie und der Bewegung zwischen greifbaren und immateriellen Wirklichkeiten in Verbindung.
2024 nahm Etterich außerdem am Projekt „EuroVistas in Weiz: Eine Reise durch europäische und asiatische zeitgenössische Kunst“ des Pashmin Art Consortia im Kunsthaus Weiz in Österreich teil. Die übergreifende Ausstellungstour verband Institutionen in Österreich, Peking und Chongqing und stellte ihr Werk in einen interkulturellen Dialog zwischen europäischer und asiatischer Gegenwartskunst. Darüber hinaus widmete Pashmin Art Publisher ihrem Leben und Werk die dreisprachige Monografie „Lisa Etterich: A Journey into Neverland“, deren Kapitel unter anderem das Verhältnis von Materie und Spiritualität sowie das Fortleben mythologischer Erinnerung in der zeitgenössischen Malerei behandeln.
Stil: Materie als Tor zum Imaginären
Etterich vermeidet bewusst eine Festlegung auf eine einzige, eng definierte künstlerische Richtung. Sie arbeitet mit Aquarell, Pastell, Acryl und Öl und setzt darüber hinaus Collage und Mischtechniken ein. Ihre Gemälde entstehen sowohl physisch als auch visuell durch einen vielschichtigen Aufbau. Sie trägt Pigmente auf, gießt, sprüht, presst und schabt sie; verwendet Pinsel, Spachtel und Sprühdosen und integriert Faltungen, Platten und strukturierte Materialien. Erhebungen, Risse und Verdichtungen verwandeln die Leinwand in eine nahezu geologische Oberfläche.
Ihre Bildwelten entwickeln sich intuitiv. Eine Geste führt zur nächsten, bis aus dem Material Formen hervortreten, die an Städte, Höhlen, Gewässer, Berge oder himmlische Strukturen erinnern. Das Ergebnis ist weder vollständig abstrakt noch im herkömmlichen Sinne gegenständlich. Erkennbare Formen bleiben in einer instabilen Welt schwebend, in der sich die Maßstäbe fortwährend verändern. Eine Ansammlung kann aus der Nähe wie eine Mineralformation wirken, aus mittlerer Entfernung an eine architektonische Ruine erinnern und aus der imaginären Vogelperspektive wie eine ganze Stadt erscheinen.
Für Etterich ist Malerei zugleich eine Form der inneren Beobachtung. Sie hat Bilder als Spiegel der Seele und als Herausforderungen beschrieben, die einen aktiven Prozess des Sehens auslösen. Ihre Werke präsentieren Fantasie daher nicht als Flucht vor der Wirklichkeit. Vielmehr nutzen sie das Fantastische, um psychologische und spirituelle Dimensionen sichtbar zu machen, die bereits in der Realität selbst angelegt sind.
Dieser Ansatz erhält in den Museen der Schloss- und Residenzstadt Greiz eine besondere Bedeutung. Die Museen befinden sich im historischen Oberen Schloss und Unteren Schloss, einem architektonischen Ensemble mit Elementen von der Romanik bis zum Jugendstil. Etterichs imaginierte Schlösser, Gemächer, Grotten und fernen Siedlungen treten dort folglich in einen Dialog mit realen Räumen, die durch Jahrhunderte des Wohnens, der Erinnerung und des Wandels geprägt wurden.
Die Werke für Greiz
Konzeptionell beginnt die Ausstellung mit „Glühende eisige Grotte 1“, einem quadratischen Gemälde in Mischtechnik aus dem Jahr 2014. Sein paradoxer Titel verbindet brennende Hitze mit gefrorener Stille. Ein heller zentraler Bereich scheint von dunklerer mineralischer Materie umschlossen, während an den unteren Rändern rote Passagen aufflammen. Das Bild lässt sich als Höhle, Krater, Auge oder architektonischer Innenraum lesen. Rot verweist auf unterirdische Energie und Schöpfung; Weiß und Grau evozieren Stille, Eis und angehaltene Zeit. Gegensätzliche Kräfte bewohnen ein und denselben Bildkörper.
In „Die Grottenverherrlichung“ von 2015 wird die Höhle heller und feierlicher. Im Zentrum erheben sich vertikale Formationen wie Kristalle, Türme oder eine Stadt, die unter Erdschichten freigelegt wurde. Ein weiter Bogen umschließt sie wie ein Gewölbe oder ein Heiligenschein. Der Titel verwandelt die Grotte von einem natürlichen Hohlraum in einen erhöhten, beinahe sakralen Ort – einen Zufluchtsraum, der nicht durch menschliches Bauen, sondern durch die Materie selbst hervorgebracht wird.
„Das mystische Schloss“ und „Das sakrale Schloss“, beide aus dem Jahr 2013, behandeln Architektur als Vision und nicht als Dokumentation. In „Das mystische Schloss“ erzeugen blasses Rosa, Weiß und Türkis eine Atmosphäre aus Nebel und reflektiertem Licht. Bögen und Türme scheinen sich für einen kurzen Augenblick aus der sie umgebenden Luft zu verdichten. Das Schloss wirkt fragil und fern, als stünde es unaufhörlich kurz davor, wieder zu verschwinden.
„Das sakrale Schloss“ ist dunkler und feierlicher. Braun-schwarze Bögen erheben sich über einer tief türkisfarbenen Zone, während sich zwischen ihnen goldgraue Strukturen sammeln. Die sakrale Qualität des Bildes beruht nicht auf erkennbaren religiösen Symbolen. Sie entsteht vielmehr durch Umschließung, vertikale Bewegung und konzentriertes Licht. Das Gemälde lässt an ein Heiligtum, einen Reliquienschrein oder eine geschützte Stadt denken, deren Bedeutung sich nicht auf eine einzige Erzählung reduzieren lässt.
Die zusammengehörigen Gemälde „Unterwasser Welt 1 (links)“ und „Unterwasser Welt 2 (rechts)“ aus dem Jahr 2012 bilden einen Übergang zwischen Licht und Tiefe. Das erste Werk wird von helltürkisen, rosafarbenen, weißen und grünen Strömungen belebt. Seine Formen erinnern an Meeresorganismen, Vegetation und Licht, das durch bewegtes Wasser gebrochen wird. Das zweite Bild führt hinab in dunklere Blau-, Grün- und Schwarztöne. Rechteckige Fragmente und kalligrafische Zeichen scheinen darin zu treiben wie Überreste von Architektur oder die Fragmente einer versunkenen Sprache. Zusammen zeigen die Werke Wasser nicht nur als Motiv, sondern als eine Form der Wahrnehmung: Es bricht das Licht, löst Grenzen auf und lässt jede Form vorläufig erscheinen.
„Im Schutz der Gemächer“ von 2015 kehrt zur Vorstellung eines umschlossenen Innenraums zurück. Ein dunkler Bogen umgibt dichte Ansammlungen aus Schwarz, Braun und Gold, während blaugrüne Passagen das untere Bildfeld durchziehen. Die Gemächer versprechen Schutz, doch sie sind nicht vollständig abgeschlossen. Licht, Wasser und Dunkelheit strömen weiterhin durch sie hindurch. Schutz wird zu einem vorübergehenden Zustand, in dem Erinnerung und verletzliche Formen überdauern können.
Die Folge gipfelt in „Ausblick“ von 2015. Nach den Grotten, Schlössern, Unterwasserwelten und geschützten Räumen wird der Blick der Betrachtenden schließlich auf einen offenen Horizont gelenkt. Ein heller Höhenzug überblickt eine blaue Weite mit fernen Formationen, bei denen es sich um Inseln, Boote, Gebäude oder Fragmente einer anderen Stadt handeln könnte. Dennoch bietet das Gemälde kein endgültiges Ziel. Die Betrachtenden verbleiben an einer Schwelle und blicken von einer erhöhten, zugleich aber unsicheren Position hinaus in die Ferne.
Gemeinsam bilden diese acht Werke eine Reise nach innen und nach außen. Etterichs Grotten sind ebenso geologisch wie psychologisch; ihre Schlösser gehören gleichermaßen der Architektur, der Erinnerung und der Offenbarung an; ihre Unterwasserwelten bewahren versunkene Spuren; und ihre Gemächer schützen jenen fragilen inneren Raum, von dem aus ein neuer Horizont sichtbar werden kann. In ihrer Kunst wird die Wirklichkeit gerade in jenem Moment besonders fesselnd, in dem ihre Grenzen beginnen, sich aufzulösen.
Erleben Sie ihre Werke in den Museen der Schloss- und Residenzstadt Greiz, 3. Oktober–22. November 2026
Dr. Davood Khazaie
Literarischer Kunstkritiker und internationaler Kurator
©Alle Textrechte liegen bei Dr. Davood Khazaie
Webseite Lisa Etterich











