Helmut Spanner: Picturetalks

Am Jüngsten Tag - Charles Chaplin coloured pencil on watercolour paper, 70 x 100 cm, 2024

Helmut Spanner ist weithin als Illustrator und Bilderbuchkünstler bekannt, doch seine Picturetalks offenbaren eine deutlich konzeptuelle Dimension seines Schaffens. In diesen Arbeiten wird die Schrift selbst zum bildnerischen Material. Eine Auswahl von acht Picturetalks ist derzeit in den Museen der Schloss- und Residenzstadt Greiz zu sehen. Die Ausstellung wurde am 3. Oktober eröffnet und läuft noch bis zum 22. November 2026. Organisiert von Pashmin Art Consortia, versammelt sie Werke, die sich mit einer grundlegenden Frage auseinandersetzen, die Dichter und Künstler seit mehr als zwei Jahrtausenden beschäftigt: Was geschieht, wenn Sprache nicht nur gelesen, sondern auch gesehen wird?

Spanners Werk lässt sich damit in eine bemerkenswert lange kunsthistorische Tradition einordnen. Eine ihrer frühesten Ausprägungen findet sich in den hellenistisch-griechischen Technopaegnia – Gedichten, bei denen die Anordnung und unterschiedliche Länge der Verse erkennbare Formen erzeugten. Zu den erhaltenen Beispielen zählen Werke, die Simias von Rhodos zugeschrieben werden und die Gestalt eines Eies, von Flügeln oder einer Axt annehmen. Andere antike Figurengedichte hatten die Form von Altären oder einer Hirtenflöte. Dabei handelte es sich nicht um Illustrationen, die nachträglich einem Gedicht hinzugefügt wurden: Sprachliche und visuelle Struktur wurden gemeinsam konzipiert. Das Gedicht existierte zugleich als Text und als Bild, und der Akt des Lesens war untrennbar mit dem des Sehens verbunden.

Diese Verbindung von Schrift und Bild setzte sich in der mittelalterlichen Tradition der Carmina figurata fort. Ein besonders komplexes Beispiel ist Hrabanus Maurus’ im 9. Jahrhundert entstandenes Werk De laudibus sanctae crucis, in dem lateinische Textfelder so angeordnet sind, dass darin Kreuze, Figuren und weitere sprachliche Strukturen sichtbar werden. Solche Werke fordern den Leser dazu auf, einen Text nicht lediglich Zeile für Zeile zu erfassen, sondern die Seite als visuelles und geistiges Ganzes zu betrachten. Die Seite wird zu einem Feld, in dem Lesen, Sehen, Erinnerung und Meditation aufeinandertreffen.

Mit besonderer Deutlichkeit tritt diese Tradition in der englischen Dichtung des 17. Jahrhunderts erneut hervor. In George Herberts „Easter Wings“, das 1633 in The Temple veröffentlicht wurde, erweitern und verkürzen sich die Gedichtzeilen so, dass das gedruckte Gedicht an ein Flügelpaar erinnert. Die visuelle Form ist dabei keineswegs bloße Dekoration: Die Bewegung von Fülle zu Verengung und schließlich wieder zur Ausweitung entspricht den Themen des Gedichts – Fall, Leiden, Auferstehung und geistiger Aufstieg. Herberts „The Altar“ folgt einem verwandten Prinzip. Auch hier liegt die Bedeutung zum einen in dem, was die Wörter aussagen, und zum anderen in der Form, die sie gemeinsam auf der Seite annehmen.

Die Moderne radikalisierte dieses Verhältnis. Guillaume Apollinaire ordnete in seinen 1918 veröffentlichten Calligrammes Wörter zu visuellen Konfigurationen an, die Gegenstände, Figuren oder Bewegungen hervorrufen konnten. Typografie wurde in diesen Arbeiten zu einer Form des Zeichnens, und die Poesie trat unmittelbar in den visuellen Raum der modernen Kunst ein. Auf Apollinaires Experimente folgte in den 1950er- und 1960er-Jahren die Konkrete Poesie – eine internationale Bewegung, in der Wörter, Buchstaben, Abstände, Wiederholungen und die leere Seite selbst zu eigenständigen künstlerischen Materialien wurden. Konkrete Dichter wie Eugen Gomringer verstanden Sprache als räumliche Konstruktion und nicht lediglich als Träger literarischer Erzählung. Wiederholung konnte selbst Form erzeugen: Ein einzelnes Wort, vervielfacht und räumlich angeordnet, konnte ein Bild, ein Muster, eine Leerstelle oder einen Rhythmus hervorbringen.

Vor diesem Hintergrund wird die besondere Innovation von Spanners Picturetalks deutlich. Mit seinen Vorgängern teilt er die Überzeugung, dass ein geschriebenes Zeichen zugleich Sprache und Bild sein kann. Dennoch unterscheidet sich seine Methode wesentlich von den antiken Figurengedichten, Herberts Formgedichten, Apollinaires Kalligrammen und weiten Teilen der Konkreten Poesie. Spanner zeichnet nicht in erster Linie Umrisse mit Wörtern und konstruiert seine Bilder auch nicht typografisch. Er schreibt.

Die Sätze ziehen sich in wiederholten handschriftlichen Zeilen horizontal über das Blatt, oft Hunderte Male. Aus der Distanz wirken sie zunächst wie dichte Textfelder. Erst nach und nach lassen Variationen in Farbe, Druck, Tonintensität und Dichte größere Strukturen hervortreten. Das Bild besteht daher nicht einfach aus Wörtern; es entsteht aus dem wiederholten körperlichen Akt des Schreibens. Darin liegt ein entscheidender Unterschied. Typografie tendiert zur Reproduzierbarkeit, während Handschrift Differenz sichtbar macht. Keine zwei Wiederholungen sind vollkommen identisch. Jeder Satz bewahrt die Bewegung der Hand in einem bestimmten Augenblick. Spanner führt damit Dauer und körperliche Arbeit in die Geschichte der visuellen Poesie ein: Wiederholung wird nicht zu mechanischer Gleichförmigkeit, sondern zu verdichteter Zeit.

Seine Innovation ließe sich daher als eine Bewegung vom traditionellen „Gedicht als Bild“ hin zum „Bild als akkumulierte Sprache“ beschreiben. Der Betrachter muss seine Wahrnehmungsweise ständig wechseln. Aus der Nähe liest man; aus größerer Entfernung erkennt man Tonfelder und verborgene Bilder. Der Blick bewegt sich fortwährend zwischen semantischer Bedeutung und visueller Erscheinung. Keine der beiden Wahrnehmungsweisen verdrängt die andere vollständig.

Dieses Prinzip tritt bereits in Marathon deutlich hervor. Spanner schreibt immer wieder „Leben ist Langstrecke“, wobei in einzelnen Passagen auch die Formulierung „Das Leben ist Langstrecke“ erscheint. Der Satz zieht sich in wechselnden Farben über die Bildfläche. Bedeutung und Methode verstärken sich gegenseitig: Das Leben erscheint als Ausdauer, Fortsetzung und Durchhaltevermögen, während auch die Entstehung des Werkes selbst Beharrlichkeit und Ausdauer verlangt. Der Satz wird somit nicht lediglich mitgeteilt, sondern performativ vollzogen.

In Kunst reduziert Spanner dieses Prinzip auf ein einziges wiederholtes Wort: „Kunst“. Hunderte graue Wiederholungen bedecken die Fläche, bis ein einziges rotes KUNST sie unterbricht. Diese Geste erinnert an Strategien der Konkreten Poesie, in der Wiederholung und räumliche Differenzierung ein Wort als visuelles Objekt hervortreten lassen. Der handschriftliche Charakter von Spanners Schriftfeld verhindert jedoch jede vollständige Gleichförmigkeit. Das einzelne rote Wort verschärft eine Frage, die bereits in jeder Wiederholung angelegt ist: Liegt Kunst in der Wiederholung, in der Abweichung oder in unserer Fähigkeit, Unterschiede wahrzunehmen?

In den Arbeiten, die sich auf historische Persönlichkeiten beziehen, überführt Spanner dieselbe Methode in eine unkonventionelle Form des Porträts. Albert Einstein wird durch den wiederholten Satz „Was auch immer wir uns vorstellen, hat die Natur bereits erschaffen“ evoziert. Anstatt Einsteins äußere Erscheinung zu beschreiben, lässt Spanner einen mit ihm verbundenen Gedanken das Bild hervorbringen. Das Porträt entsteht aus dem Denken.

In der Charles Chaplin gewidmeten Arbeit schreibt Spanner immer wieder: „Filmemacher sollten bedenken, dass man ihnen am Tag des Jüngsten Gerichts all ihre Filme wieder vorspielen wird.“ Durch die Vervielfachung verändert sich der Humor der Aussage. Die Vorstellung, sämtliche Filme würden eines Tages erneut vorgeführt, spiegelt sich in der endlosen Wiederholung des Satzes selbst: Wiederholung wird zugleich Form und Pointe.

Für Giulietta Masina schreibt Spanner: „Eine wirklich emanzipierte Frau braucht ihre Emanzipation nicht zu plakatieren. Sie ist für sie so selbstverständlich wie Pulsschlag und Atemluft.“ Wechselnde Gelb-, Rot-, Orange- und Blautöne verwandeln die Wiederholung hier in eine anhaltende Bekräftigung.

In 3 Fach Symbol (2024) verwandelt Spanner Lilly Palmers Reflexion über Emanzipation in ein lebhaftes Feld wiederholter Handschrift. Die fließenden Bänder aus Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau und Violett, die im Werk sichtbar werden, erinnern an ein Spektrum der Vielfalt und rufen im heutigen Kontext unweigerlich Fragen nach Geschlecht und Identität hervor. Dieser visuellen Vielfalt stehen Palmers Worte gegenüber, die für einen menschlichen Wert jenseits geschlechtlicher Kategorien plädieren. Dadurch entsteht eine produktive Spannung zwischen Differenz und Gleichheit. Wie auch in anderen Picturetalks Spanners verwandelt die Wiederholung das Zitat zugleich in ein Bild und in eine fortgesetzte Reflexion.

Immer wieder schreibt er: „Die beste Form der Emanzipation sehe ich darin, sich um das Geschlecht gar nicht zu kümmern und nur darauf zu achten, ob jemand gut oder böse, gescheit oder dumm ist, unabhängig von den Chromosomen.“

Mark Twain bringt mit dem Satz „Gott hat den Menschen erschaffen, weil er vom Affen enttäuscht war. Danach hat er auf weitere Experimente verzichtet“ Ironie ins Spiel. Durch die fortwährende Wiederholung wird die Pointe immer weiter verstärkt, bis der Humor selbst zu einer visuellen Beharrlichkeit wird.

Schließlich wiederholt der Buddha Siddhartha Gautama gewidmete Picturetalk den Satz: „Wenn du ein Problem hast, versuche es zu lösen. Kannst du es nicht lösen, dann mache kein Problem daraus!“ Hier nähert sich der Akt der Wiederholung besonders stark einem Mantra und einer meditativen Praxis an. Dunklere und hellere Passagen verdichten sich innerhalb der Schrift zu einer verborgenen Präsenz; beinahe unmerklich geht der Betrachter vom Lesen eines Ratschlags zur Betrachtung eines Bildes über.

Im Kontext der Geschichte der visuellen Poesie sind Spanners Picturetalks somit weder eine Wiederbelebung des antiken Figurengedichts noch lediglich eine Fortsetzung der Konkreten Poesie. Ihre besondere Leistung liegt vielmehr darin, Handschrift, Wiederholung, Dauer, Porträt und Zitat miteinander zu verbinden. Während Simias, Herbert und Apollinaire die visuelle Anordnung von Sprache mit einer erkennbaren Form in Beziehung setzten, lässt Spanner die Form aus dem akkumulierten Akt des Schreibens selbst hervorgehen. Seine Bilder bestehen nicht nur aus Wörtern, sondern auch aus der Zeit, die mit dem Schreiben dieser Wörter verbracht wurde. In diesem Sinne führen die Picturetalks einen jahrtausendealten Dialog zwischen Literatur und bildender Kunst fort und verleihen ihm zugleich eine zeitgenössische und höchst persönliche Form: Gedanke wird Geste, Geste wird Textur, und Sprache wird – ohne ihre Bedeutung aufzugeben – zum Bild.

© Das Urheberrecht am Text liegt bei Dr. Davood Khazaie

Weitere Informationen auf der Website der Stadt Greiz:
https://www.greiz.de/tourismus-kultur/museen/ausstellungen

Weitere Informationen auf der Website von Helmut Spanner:
https://www.helmut-spanner.de/

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