Ein Leben im Zeichen der Transformation
Sonia Parchets Kunst wurzelt in einer Biografie, die von Bewegung, Neuerfindung und einer intensiven Hinwendung zum inneren Leben geprägt ist. In Frankreich geboren, in Deutschland aufgewachsen und heute in der Schweiz lebend, war sie zunächst in den Bereichen Schauspiel, Regie, Zirkustraining, Coaching und Komplementärtherapie tätig, bevor sie sich vollständig der Malerei widmete. All diese Tätigkeitsfelder erforderten Disziplin, Empathie und ein feines Gespür für andere Menschen – Qualitäten, die bis heute ihre künstlerische Praxis prägen.
Ihre Entscheidung, die Malerei ab 2023 professionell zu verfolgen, führte diese unterschiedlichen Erfahrungen zusammen. Die Arbeit im Bereich der darstellenden Kunst schärfte ihr Empfinden für Rhythmus und Präsenz; ihre therapeutische Tätigkeit vertiefte ihr Interesse an Prozessen der Veränderung; und ihr Familienleben, insbesondere ihre Rolle als Mutter von drei Kindern, verstärkte ihr Bewusstsein für Fürsorge, Weitergabe und Verbundenheit.
Eine sich erweiternde Ausstellungsgeschichte
Parchet gab 2024 auf der „Swissartexpo“ in Zürich ihr öffentliches Ausstellungsdebüt. Die Zusammenarbeit mit Pashmin Art entwickelte sich bald zu einem zentralen Bestandteil ihrer internationalen künstlerischen Entwicklung. 2025 traten ihre Seelenmandalas in der Ausstellung „Visions in Color and Spirit“ in der Pashmin Art Gallery in Hamburg in einen Dialog mit Werken von Maj-Britt Niklasson und Alessandro Cardamone.
Die Zusammenarbeit weitete sich anschließend auf museale Kontexte aus. Im Hong Art Museum in Chongqing nahm Parchet an „Fusion of Horizons: Contemporary Art in Dialogue“ teil, einer Ausstellung, die Beziehungen zwischen zeitgenössischer Kunstpraxis, kulturellem Erbe sowie östlichen und westlichen Perspektiven untersuchte. Im Rothko Museum in Daugavpils wurden ihre Werke „Healing“ und „Golden Age Web“ im Rahmen der Ausstellung „Tensions and Transitions: Navigating the Boundaries of Being“ gezeigt und damit in einen größeren Reflexionszusammenhang über Identität, psychologische Veränderung und spirituelle Suche gestellt. 2026 war sie zudem in der Ausstellung „Muses of Modernity: Women Artists Inspiring Change“ im Kunsthaus Weiz vertreten.
Das Seelenmandala
Im Zentrum von Parchets künstlerischer Praxis steht das Seelenmandala. Sie versteht das Mandala nicht lediglich als ornamentale oder geometrische Form, sondern als eine Sprache, durch die emotionale, spirituelle und biografische Erfahrungen sichtbar werden können. Ihre Auftragsarbeiten beginnen häufig mit einem persönlichen Gespräch. Anschließend entwickelt sie das jeweilige Gemälde intuitiv, mit dem Ziel, den inneren Charakter eines Menschen zum Ausdruck zu bringen, anstatt dessen äußere Erscheinung abzubilden.
Ihre Kompositionen entstehen aus konzentrischen Ringen, Punkten, Blütenblättern, strahlenförmigen Linien, ornamentalen Elementen und fein abgestuften Farbnuancen. Die Symmetrie erzeugt Ausgewogenheit, während subtile Abweichungen die individuelle Handschrift der Künstlerin bewahren. Der Kreis kann an eine Blüte, einen Mutterleib, eine Sonne, ein Auge, eine Zelle, eine Uhr, ein Portal oder ein Universum erinnern. Da diese Bedeutungen offen und wandelbar bleiben, laden die Gemälde die Betrachter dazu ein, eigene Erinnerungen und Assoziationen einzubringen.
Erinnerung, Identität und menschliche Verbundenheit
Die für „Landscapes of the Soul“ („Seelenlandschaften“) ausgewählten Werke, die von Pashmin Art Consortia vom 3. Oktober bis 22. November 2026 in den Museen der Schloss- und Residenzstadt Greiz präsentiert werden, zeichnen Parchets künstlerische Entwicklung zwischen 2020 und 2025 nach.
Die frühen Werke „Amelie“, „Heritage“ und „Creativity“ legen die persönlichen Grundlagen ihrer Bildsprache offen. Mit seinen Blau-, Violett- und Rosétönen lässt sich „Amelie“ als abstraktes Porträt lesen, das durch Farbe und Rhythmus geformt wird. „Heritage“ verwandelt den geschichteten Kreis in ein Bild der Weitergabe und lässt an Generationen und Erinnerungen denken, die sich aus einem gemeinsamen Zentrum heraus entwickeln. Dunkler und dichter angelegt, zeigt „Creativity“ kreative Energie als etwas, das sich durch Konzentration aus angesammelten Erfahrungen heraus entfaltet.
In „Motherhood“ breitet sich ein leuchtendes rosa-violettes Zentrum über einem intensiven roten Grund aus. Die Komposition erinnert zugleich an einen Mutterleib, einen Herzschlag, eine Blüte und einen schützenden Raum und verleiht damit Vorstellungen von Ursprung, Fürsorge und emotionaler Kontinuität eine sichtbare Form. „Love“ wirkt dagegen hell und beinahe schwerelos. Seine Struktur aus Rosa-, Creme- und Goldtönen scheint sich in das umgebende Bildfeld aufzulösen und lässt Liebe als stille Atmosphäre der Verbundenheit erscheinen.
Geometrie, Zeit und Erleuchtung
Parchets Werke aus dem Jahr 2023 legen einen stärkeren Schwerpunkt auf Struktur, Zeit und Licht. In „Geometry“ verdichten sich grüne, blaue, orangefarbene und terrakottafarbene Ringe um ein tief wirkendes optisches Zentrum. Obwohl die Form sorgfältig geordnet ist, erscheint sie organisch – als würde sie atmen oder erblühen.
„Time Break“ setzt ein dichtes rosa-violettes Mandala vor einen säuregelb-grünen Hintergrund. Der Kontrast kann als Unterbrechung des chronologischen Zeitdrucks oder als Bruch verstanden werden, durch den eine andere Erfahrung von Dauer möglich wird. „Beau Line“ wiederum führt ein strahlend goldenes Zentrum vor schwarzem Grund ein. Es erinnert an eine Sonne, ein zeremonielles Objekt oder ein sakrales Diagramm und verbindet die gezeichnete Linie mit einem Weg spiritueller Orientierung und Erleuchtung.
Vom Mandala zum Kosmos
Die Werke des Jahres 2024 erweitern Parchets visuelles Vokabular. In „Golden Age Web“ wird ein schwarzes kreisförmiges Feld von goldenen Netzstrukturen und einer vertikalen Achse durchzogen. Dadurch entstehen Assoziationen an Verbindungen zwischen Materie und Geist sowie zwischen Individuum und Universum. „Splendid“ wirkt offener und feiner und entwickelt aus Weiß, Creme, Ocker, Gold und Schwarz eine spitzenartige Struktur, deren Leuchtkraft ebenso sehr aus Zurückhaltung wie aus Ornament entsteht.
„Blume des Lebens“ („Flower of Life“) entfaltet sich in Violett, Magenta, Orange und Weiß und erinnert zugleich an eine Blüte, eine Zelle und einen Kosmos. In „Happiness“, das auf einer runden Leinwand ausgeführt ist, verschmelzen Bildträger und Mandala zu einer Einheit; leuchtend farbige Ringe und offene Zwischenräume erzeugen ein Gefühl von Bewegung und Freude.
Den Höhepunkt dieser Entwicklung bildet „Universal Strings“ aus dem Jahr 2025, ausgeführt auf einem kreisförmigen Holzträger mit einem Durchmesser von 120 Zentimetern. Eine große goldene Scheibe bildet den Ankerpunkt der dunklen Bildfläche. Ihre handgezeichneten Ringe vermitteln den Eindruck von Schwingung, während sie von orbitalen Diagrammen, Blüten, sternförmigen Gebilden, konzentrischen Kreisen und geometrischen Konstellationen umgeben wird. Feine goldene Linien verbinden mehrere dieser Formen mit dem Zentrum.
Die „Strings“ des Titels machen unsichtbare Beziehungen sichtbar. Jedes Motiv besitzt eine eigene Identität und innere Ordnung und ist dennoch Teil eines größeren Systems. Parchet öffnet die traditionelle Struktur des Mandalas: Ein dominierender Körper wird von mehreren sekundären Zentren begleitet. Das Werk bewegt sich damit über das individuelle Gleichgewicht hinaus hin zu einer Kosmologie der wechselseitigen Abhängigkeit und präsentiert das Universum als lebendiges Netzwerk eigenständiger und zugleich miteinander verbundener Formen.
„Seelenlandschaften“ in Greiz
Die bevorstehende Ausstellung „Landscapes of the Soul“ („Seelenlandschaften“) bietet einen besonders stimmigen Kontext für Parchets Malerei. Die historische Schlossumgebung bewahrt Schichten von Architektur, Erinnerung und kultureller Identität, während ihre Mandalas aus übereinanderliegenden Ringen, wiederholten Zeichen, symbolischen Zentren und visuellen Schwellen aufgebaut sind. In Greiz lassen sich die Werke daher als zeitgenössische Architekturen der Erinnerung verstehen.
Der Ausstellungstitel ist besonders treffend, da Parchet keine äußeren Landschaften darstellt, sondern innere Zustände kartiert. „Amelie“, „Heritage“ und „Motherhood“ thematisieren Identität, Familie und Weitergabe. „Time Break“ untersucht veränderte Erfahrungen von Zeit und Dauer. „Beau Line“ und „Golden Age Web“ verwandeln Dunkelheit in Licht, während „Universal Strings“ das persönliche Zentrum zu einem Netzwerk kosmischer Beziehungen erweitert.
Gemeinsam führen die ausgewählten Werke von intimer Porträtierung und emotionaler Erinnerung hin zu spirituellen Diagrammen und universellen Konstellationen. Sie bewegen sich vom persönlichen Zentrum zu einem gemeinsamen Universum. Parchets Kunst schlägt vor, Identität weder als isoliert noch als statisch zu verstehen, sondern als etwas, das sich durch Schichten von Erfahrung sowie durch Beziehungen zu anderen Menschen, überlieferten Geschichten und der weiteren Welt formt. In ihren Gemälden entsteht Harmonie aus der lebendigen Verbindung eigenständiger Formen.
©Alle Textrechte liegen bei Dr. Davood Khazaie
Webseite Sonia Parchet














